Etwa 80.000 Jugendliche außerhalb jeglicher Hilfesysteme. Experten fordern eine neue Jugendpolitik

„Die Jugendpolitik der vergangenen Jahre war in erster Linie durch Sanktionen und Misstrauen geprägt“, so eine Aussage von Professor Dr.  Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim am Rande der Fachtagung der Evangelischen Jugendsozialarbeit (ejsa) am 8.5.2018 in Nürnberg. Auch sagte der Experte. „Sie beteiligt Jugendliche nicht, und stellt ihnen auch keine Räume zur Verfügung, um die Jugend als eigenständige Lebensphase zu gestalten.“ Vielmehr sei Politik von der Sorge getrieben, Jugendliche könnten den Erwartungen des Berufslebens nicht gerecht werden, und reagiere darauf mit Druck.

Prof. Dr. Wolfgang Schroer

Als Beispiel nannte der Mitautor des 15. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung etwa die Sanktionsmöglichkeiten im Rahmen der Hartz-Gesetzgebung: „Erwachsenen Beziehern von Hartz-IV-Leistungen werden die Bezüge schrittweise um bis zu 30 Prozent gekürzt. Dann ist Schluss. Jugendlichen unter 25 können die Leistungen komplett gestrichen werden. Warum?“ Die Folge: Allein in Bayern gibt es Schätzungen von 2014 zufolge knapp 9.000 Jugendliche, die dann auch von Arbeitsagenturen und Jobcentern nicht mehr erfasst werden und in der Folge von keiner Hilfemaßnahme mehr erreicht werden können, so Klaus Umbach, Geschäftsführer der Evangelischen Jugendsozialarbeit Bayern (ejsa).

„Diese Jugendlichen werden komplett alleine gelassen.“ Bundesweit umfasse dieses sogenannte „Dunkelfeld“ ca. 80.000 Jugendliche, die auch durch Angebote der Jugendhilfe kaum noch unterstützt werden können. Umbach weiter: „Für die Politik endet die Jugend – und damit auch die Jugendhilfe – mit Erreichen der Volljährigkeit.“ Dem Bedarf der Betroffenen entspräche dies in vielen Fällen aber nicht. Früher, so der EJSA-Geschäftsführer, hätten Jugendliche mit 18 Jahren oftmals schon eine Berufsausbildung absolviert. „Heute ist das nicht mehr so. In diesem Alter haben die meisten Jugendlichen gerade ihren Schulabschluss in der Tasche.“ Begleitende Jugendsozialarbeit, die dann zu einer Berufsausbildung führen könne, werde wegen der Altersgrenze aber nicht mehr bewilligt. In Kanada sei man da schon wesentlich weiter: „25 ist das neue 18, heißt es da“, so Schröer.

75 Fachleute aus der Jugendsozialarbeit besuchten den Fachtag

Dass Jugendliche in der Politik momentan kaum einen Stellenwert besitzen, beweist Schröer zufolge auch die Diskussion um die Ganztagsschulen. „Hier geht es primär darum, den Eltern eine ganztägige Beteiligung am Erwerbsleben zu ermöglichen – und nicht darum, angemessene Bildungsangebote für Jugendliche zu machen.“ Anders, so Schröer und Umbach unisono, sei es nicht zu erklären, dass im Zusammenhang mit den Kindertagesstätten eine intensive Diskussion um die Qualität von Angeboten und Mitarbeitenden geführt werde, diese bei den Ganztagsangeboten für Jugendliche aber ausbleibe. „Da wird das Klassenzimmer nach der Mittagspause mal eben umgeräumt, und das soll dann ein gutes Nachmittagsangebot sicherstellen.“ Das könne nicht funktionieren.

Umbach und Schröer fordern darum, dass Jugendpolitik von den Verantwortlichen wieder neu gelernt werden müsse. „Auf kommunaler Ebene war man da schon mal weiter. Allerdings – die letzten jugendpolitischen Konzepte stammen aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts“, so Schröer.